Das Betriebsmädchen trägt Rollkragenpullis

 

Liebe Kunden, liebe Freunde, liebe Musiker – liebe Leser!

 

Mein Beruf, das kann ich Ihnen ganz objektiv bestätigen, ist der schönste der Welt. Nun, da ich diesen blog-Eintrag schreibe, liegt ein sehr anstrengendes Beratungsgespräch hinter mir. Anstrengend im Sinne von lang, problembehaftet, unentschlossen und in allen nur möglichen Bedeutungen schwierig. Ich kann zwar nicht sagen, dass mein Kunde und ich uns nicht verstanden hätten – denn das haben wir – oder dass wir dem Kunden nicht anbieten konnten, wonach er verlangte – denn das konnten wir – oder dass wir, er und ich, einfach beide einen schlechten Tag hatten – denn das hatten wir ganz offensichtlich nicht. Nein, es ist viel einfacher erklärt: mein Kunde in diesem Gespräch war ein etwa elfjähriger Junge samt Familie.

 

Sie können sich doch bestimmt auch noch daran erinnern, wie Sie damals Ihr erstes, eigenes Instrument bekamen, nicht wahr? Vermutlich wurden Sie dabei von Ihren Eltern und Ihrer nervigen Schwester begleitet, die so lange herumquengelte, bis Mama ihr endlich erlaubte, die extra für diesen Moment mitgebrachte Notfallkassette „Benjamin und der entsetzliche Haubentaucher“ im schon leidlich zerkratzten Walkman zu hören. Sie erinnern sich noch an den auffallend geschmacklosen Rollkragenpullover des Verkäufers, der Ihnen aber allein schon seines fröhlichen Lachens wegen sehr sympathisch war, und an den Geruch von frisch geöffneter Spülmaschine aus dem Mitarbeiterraum nebenan. Sie wissen noch ganz genau, wie stolz Sie den lederbraunen Trompetenkoffer nach Hause trugen, der Griff noch ganz neu, fest und glatt unter den Fingern, und wie Sie am gleichen Abend vor dem Einschlafen noch das metallene Emblem auf jenem Koffer in der Ecke Ihres Kinderzimmers im Schein der Nachtischlampe glänzen sahen. Das sind Dinge, die man nicht vergisst, wenn man Musiker ist. Oder sich als Musiker fühlt. Was genau genommen das Gleiche ist. Den Kauf dieses ersten Instrumentes jedenfalls, dieses ganz besonderen Lebensgefährten, haben wir hier bei uns nicht nur ein Mal erlebt, sondern begleiten ihn regelmäßig – nur eben auf der anderen Seite. Wir sind, wenn Sie so wollen, der geschmacklose Rollkragenpullover. Familien lachen, weinen und zittern mit uns, wenn der Sohnemann mit ausdauernder Begeisterung so lange in die auszuwählenden Querflöten hustet, bis er eine zu der seinen auserkoren hat. Wir beraten, erklären und überraschen auch manchmal – oder wir feiern eine große Kaufparty mit branchengerechten Schenkelklopfern. An anderen Tagen wiederum wälzen wir Probleme, diskutieren Lösungen und halten aufgebrachten Familienoberhäuptern und -häupterinnen beruhigend Händchen, wenn es die Situation erfordert. Welchen Weg wir mit unseren Kunden auch nehmen: am Ende sollte das eine, das richtige, das geliebte neue Instrument für den begeisterten Nachwuchs stehen.

 

So hat auch der oben erwähnte, elfjährige Sprössling letztendlich ebenfalls ein neues Instrument für sich gefunden. Und obwohl der Weg dorthin für alle Beteiligten durchaus kräftezehrend war, können wir sicher sein, dass Junior in einigen Jahrzehnten an genau diesen Tag, diesen Moment zurückdenken wird: an unseren Laden mit unseren Verkäufern, an seine ersten Töne auf unseren Instrumenten - und Mamas höfliches Lächeln nach meinen mäßigen Witzen. Und dieses wunderbare Wissen, dass Sie uns für dieses schöne Erlebnis ausgesucht haben, macht unseren Beruf, ich wiederhole mich, zum wahrscheinlich schönsten dieser Welt. Da dürfen Sie mich  ausnahmsweise mal ganz konkret beim Wort nehmen!

 

Es grüßt Sie herzlich

 

Ihr Betriebsmädchen

 

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  • -

    schön beobachtet, davon stimmt vieles. und es ist wirklich ein schöner beruf, da kann man wirklich neidisch sein.

  • Saxofon

    Vielen Dank für diesen schönen Blog! Wir waren auch vor einigen Jahren mit unserem Sohn ebi Ihnen und er spielt immer noch so gern und oft auf seinem Saxofon!