Das Betriebsmädchen und die Eisbären

 

Liebe Kunden, liebe Freunde, liebe Musiker – liebe Leser!

 

Kürzlich erlebte ich mich selbst dabei, auf Wunsch des Kollegen die korrekte Länge seiner Nasen- und Ohrhaare mittels einiger gründlicher Blicke auf Tageslichttauglichkeit zu überprüfen. Ja, genau. Sie haben richtig gelesen. Hatten Sie vielleicht auch schonmal einen dieser Träume, in denen Sie Ihren Körper verlassen und sich quasi selbst als Außenstehender beobachten können? So ähnlich erlebte ich diesen Moment, der sich emotional gesehen irgendwo zwischen freundschaftlichem Gefallen und betriebshierarchischer Demütigung bewegte. Und er brachte mich, die ich mir selbst zusah, zum Nachdenken darüber, wie sonst Tag für Tag die Kollegen beobachtet werden – nämlich von Ihnen, verehrte Kunden!

 

„Es ist ein bisschen wie im Zoo hier.“ fand einst eine Dame die passenden Worte, während sie vor unserem Werkstatttresen auf die Reparatur Ihrer Klarinette wartete - und das stimmt ganz genau, wie ich verblüfft feststellte. Sie kennen doch sicher diese einschlägigen Eisbärengehege internationaler Zoos, bei denen Sie ganz in Ruhe das Treiben der ungezähmten Wildtiere auf der anderen Seite einer bruchsicheren Glasscheibe beobachten können: Eisbär müde an Land, Eisbär verspielt mit Ball im Wasser, Eisbär mit feierlichem Ernst seine Tagesration Futter vertilgend. Sehen Sie, bei uns gibt’s dasselbe in Grün. Weiß. Ähm. Versilbert. Bunt. Wie auch immer. Müde Kollegen, spielende Kollegen, herumspinnende oder wortkarge Kollegen, reparierende oder pausierende Kollegen, mit Ball oder ohne – all das können Sie bei uns Tag für Tag hinter den zugegebenermaßen nicht bruchsicheren Glasscheiben ausführlich beobachten.

 

Wie sich das für die erwähnten Kollegen anfühlen muss, Tag für Tag so angestarrt zu werden und dem sensationslüsternen Pöbel derart schutzlos ausgeliefert zu sein, darüber hatte ich mir in dieser Situation offen gestanden zum ersten Mal überhaupt Gedanken gemacht. Was macht diese permanente Zurschaustellung beispielsweise mit einem zarten Blechblasinstrumentenmachergemüt? Begegnet man der Abstumpfung mit einer Art Werkstatt-Hospitalismus, also mit sich immer und immer wiederholenden, beruhigend gleichförmigen Handgriffen oder ostentativem Hämmern? Oder haben die Kollegen bereits ein Stadium erreicht, in dem sie die Welt jenseits der Glasscheiben jetzt und für alle Zeiten ausblenden? Ist ihr Blick, frei nach Rilke, vom Vorüberziehen der Kunden so müd' geworden, dass er nichts mehr hält? Ist Ihnen, als ob es tausend Kunden gäbe, und hinter tausend Kunden keine Welt? Antworten darauf habe ich noch keine, erwäge aber, zukünftig einen blog ganz dem Seelenleben der so tragisch exponierten Kollegen zu widmen. Bis dahin dürfen Sie sich natürlich gern auch selbst noch ein Bild von der Situation in unserer Werkstatt machen – allerdings gilt dabei, ebenso wie in sämtlichen qualifizierten Zoos: Nicht anfassen! Nicht füttern! Und fotografieren nur ohne Blitz.

 

Es grüßt Sie herzlich

 

Ihr Betriebsmädchen

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