Das Betriebsmädchen und der Senf

 

Liebe Kunden, liebe Freunde, liebe Musiker – liebe Leser!

 

„...ngrmpf“ kroch es dumpf irgendwo zwischen Kapuze und Schal und grauem Vollbart hervor. Umständlich und mit einem unterdrückten Keuchen verstaute ein Mann mittleren Alters einen großen Schirm, einen vom Regen durchnässten Weidenkorb und etwas, das grob an einen Posaunenkoffer erinnerte, auf, vor und neben unserer Werkstatttheke. In umgekehrter Reihenfolge. Ich wartete derweil geduldig auf meiner Seite des Tresens. Stille. Ein dunkles Augenpaar musterte mich streng, bis ich nach anderthalb Sekunden weiterer, gegenseitiger Regungslosigkeit entgegen gebellt bekam: „Ausbeulen!“

 

Ich versuchte, das reflexartige Hochziehen meiner Augenbrauen schnell noch zu unterdrücken und fragte stattdessen ganz serviceorientiert und freundlich: „WAT ISSN LOS, MANN? KANNZE MAL IN GANZEN SÄTZEN SPRECHEN??“ Nein, moment - stimmt nicht, das hatte ich nur gedacht und stattdessen mit einem auffordernden Lächeln darum gebeten, der offensichtlich strunzdummen Verkäuferin (also mir) den Sachverhalt bitte genauer zu erklären. Das geschah dann umgehend und ausgesprochen vorwurfsvoll. Ja, meinem Kunden war förmlich anzusehen, wie sehr ich ihn damit quälte, mehr als drei Sätze über sein Anliegen zu äußern, die beschädigte Posaune von den Kollegen in unserer Werkstatt ausbeulen zu lassen.

 

Während besagte Kollegen einen Blick auf das Instrument warfen und die Reparaturmöglichkeiten mit dem Kunden besprachen, erinnerte ich mich unwillkürlich an eine ganz ähnliche, durchaus prägende Situation: damals erlebte ich, im abendlich leeren Dorfsupermarkt durch die Regale streifend, einen Mann, der eiligen Schrittes direkt vom Eingang auf die erstbeste Kassiererin zusteuerte, höchstens einen Viertelschritt von ihrem Gesicht entfernt stehenblieb und ihr in der gleichen Sekunde ein einziges Wort ins Gesicht schleuderte: „SENF!“ Nie werde ich das resignierte Gesicht der Dame vergessen, die mit dem letzten Rest eines ehemaligen Lächelns in knappen Sätzen den Weg in die passende Abteilung erklärte – obwohl doch abermillionen andere Reaktionen ebenso gerechtfertigt gewesen wären. Und sei es nur, einfach „WIGWAM!“ zurückzubrüllen. Oder etwas ähnlich Absurdes.

 

Damals jedenfalls, im Schweiße meiner juvenilen Füße und noch gänzlich ohne einen beruflichen Hintergrund, lernte ich bereits zwei absolut lebenswichtige Dinge. Erstens: auch in Westfalen kann man durchaus mal zu wenige Worte machen. Zweitens: wer lauter spricht, hat nicht zwangsläufig recht. Beide Erkenntnisse begleiten mich bis heute, so auch bei meinem grummeligen Kapuzenmann von letzter Woche. Und Sie können schwer davon ausgehen, dass ich, wenn Sie mich das nächste Mal mit einer wortkargen, unfreundlichen Ansage überrumpeln, Folgendes tun werde:  nicken, lächeln – und Senf denken. Einfach nur Senf.

 

Es grüßt Sie herzlich

 

Ihr Betriebsmädchen

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