Das Betriebsmädchen hat einen Lauf

 

Liebe Kunden, liebe Freunde, liebe Musiker – liebe Leser!

 

Letztens hatte ich einen Lauf. Und was für einen! „Ich suche eine gute Silberpolitur. Können Sie mir etwas empfehlen?“ Kurzer Griff ins Regal - viereinhalb informative Sätze – check. „Ich kriege nur noch quietschende Töne aus meinem Saxophon. Was mache ich denn jetzt?“ Beruhigendes Zuzwinkern – direkte Vermittlung an den Werkstattkollegen – check. „Wir sind uns nicht sicher, ob unsere Tochter eine Posaune mit oder ohne Quartventil bekommen soll. Können Sie uns die Unterschiede erklären?“ Ausladende Gesten in der Posaunenausstellung – zweiminütiger Monolog – check. „Kann ich das Mundstück bei Ihnen bezahlen?“ Drei präzise Mausklicks – begeisternd souveräne Wechselgeldherausgabe – check. Es sind diese Momente im Leben einer Musikalienhändlerin, in denen man sich selbst gratuliert, lebt man doch sonst mit der steten Panik vor dem nächsten Kunden, der voller Begeisterung die spezifischen Details aller jemals gebauten Barocktrompeten einzeln durchdiskutieren möchte. Gleiches gilt für die Parameter miteinander teil- oder gesamtverschmelzbarer Synthetikfasern im Instrumentenaschen- und Etuibau. Oder für all die furchtbar, furchtbar vielen Saxophonmundstücke und –hersteller in Welt und Universum. Und vor allem für die größte, täglich neu zu bewältigende Angst vor dem Satz: „Guten Tag, ich brauche ein neues Mundstück für mein Flügelhorn.“ An dieser Stelle wären nämlich normalerweise gleich eimerweise Fragen und Belehrungen anhängig, von deren Existenz der Kunde zu seinem eigenen Glück bisher nichts ahnte.

 

Umso mehr freute ich mich über jenen eingangs erwähnten Lauf, über diesen wunderbaren Nachmittag, an dem einfach alles fluppte, wie der Westfale gerne sacht - das ist in diesem bisweilen recht anspruchsvollen Job nicht allzu oft der Fall. Zu umfangreich ist die allgemeine Instrumentenkunde, zu speziell die Ware und zu detailverliebt deren potentielle Kunden. Allerdings hat das Ganze einen unschlagbaren Vorteil: es vergeht so gut wie kein Tag, an dem ich nicht noch etwas dazu lerne! Ob ich das neue System vollkompensierter Euphonien dann wirklich unbedingt in dieser Tiefe kennenlernen wollte oder auch ohne sie ein glückliches Betriebsmädchen geblieben wäre, sei mal dahingestellt. Trotzdem staune ich immer wieder – über die vielen, vielen Details und Informationen, besonders aber auch darüber, wie wenig ich trotzdem zu wissen scheine, sobald jemand seine G-Klarinette (!) auspackt.

 

Es war also ein seltenes und deshalb durch und durch befriedigendes Gefühl, an besagtem Nachmittag allen Problemstellungen gewachsen zu sein und auf beinahe jede Frage eine Antwort zu haben. Letzteres übrigens wurde aufs Genaueste von der jüngsten Tochter einer wartenden Familien beobachtet, die meine letzten vier, fünf vorherigen Kundengespräche abwarten musste, bis ich mich ihnen schließlich widmen konnte. „Duuu...“ zupfte mich jene Tochter schließlich am Ärmel, um sodann mit großen Augen hinterherzuschieben: „... weißt du alles?“ Das sorgte für allgemeine Erheiterung der restlichen Familie und der anwesenden Kundschaft, während ich außer einem leicht beschämten Lächeln nichts darauf zu antworten wusste – und meinen selbsternannten Lauf im selben Moment klaglos beendete.

 

 

Es grüßt Sie herzlich

 

 

Ihr Betriebsmädchen

 

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