Das Betriebsmädchen drischt Phrasen

 

Liebe Kunden, liebe Freunde, liebe Musiker – liebe Leser!

 

So. Da haben wir's, das gute Stück.“ Na, haben Sie mich das auch schon einmal sagen hören? Sie dürfen ruhig ehrlich sein, denn machen wir uns nichts vor: wenn Sie Kunde in unserer Servicewerkstatt waren, ist die Wahrscheinlichkeit dafür ausgesprochen hoch. Es ist eine dieser Phrasen, die sich im Laufe eines Berufslebens nach und nach in die tägliche Routine eingeschlichen haben – oft ohne, dass man selbst davon Notiz nimmt. Bei mir waren es deshalb auch die Kollegen, die mich eines Tages auf jenen zitierten Satz hinwiesen. Ob mir schon einmal aufgefallen wäre, dass ich an einem bestimmten Punkt im Kundengespräch stets dieselben Worte benutzte?! Nein, das war mir nicht aufgefallen, jedenfalls nicht in der genannten Situation „Kunde möchte repariertes Instrument abholen“.

 

Da dieser Vorgang zum normalen Tagesgeschäft gehört, bot sich mir recht schnell die Gelegenheit zur genauen Selbstbeobachtung. Und... tja, Sie ahnen es: selbstverständlich hatten die Kollegen recht! Diese Verkaufssituation begleite ich tatsächlich immer mit exakt denselben Worten in exakt demselben Tonfall und, was noch dramatischer ist, sogar mit exakt denselben Bewegungsabläufen. „So -“ (Koffer auf den Tresen wuchten) „- da haben wir's -“ (Koffer passend nach vorn drehen) „ - das gute Stück.“ (Reparaturschein entnehmen und auffalten). Zunächst fand ich diese Feststellung lediglich ganz interessant, stets im naiven Glauben, ohne Probleme auf diese kleine Macke einwirken zu können. Ich bin ja nunmal erst sechsundhüstel, also jung genug, um mich noch für äußerst flexibel zu halten ohne es tatsächlich zu sein. Das erlebte ich im Folgenden gnadenlos:  was ich zunächst für angenehm schrullig aber abstellbar gehalten hatte, entpuppte sich mehr und mehr als ernsthafter und in den Tiefen meines Verkäuferbewusstseins verankerter Zwang. Will heißen: ich habe inzwischen vollkommen die Kontrolle über diese Phrase verloren! In den ersten drei, vier Folgegesprächen konnte ich nach dem „So -“ noch einen verschwörerisch grinsenden Blick in Richtung der Kollegen werfen und den angefangenen Satz rechtzeitig stoppen. Doch schon einige Gespräche später stellte ich im Nachhinein fest, dass mir in keinster Weise mehr bewusst war, was ich gesagt hatte oder nicht. Ziemlich gruselig... schlief da etwa eine abgespaltene Verkäuferpersönlichkeit in meinem Bewusststein, die sich in schwachen Momenten Bahn brach? Dr. Jeckyll und Mr. Buy? Die Verkäuferin und das Biest? Würde sie irgendwann vollständig Besitz von mir ergreifen? Was für ein Alptraum!

 

Vielleicht sind Sie ja beim nächsten Mal so nett, mir bereits in Ihrem Einleitungssatz den Wind aus den Segeln zu nehmen und mich mit  „Ich würde gern mein Instrument abholen - “ (Pause) „ - das gute Stück.“ zu begrüßen...? Dafür wäre ich Ihnen außerordentlich dankbar.

 

Bis dahin grüßt Sie herzlich

 

 

Ihr Betriebsmädchen

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